Die Autorin

 

iris-lieser-autorinDie Fragen stellt das Leben,
die Antworten gibt es ebenso –
gebündelt im Kopf und im Gefühl
ist das Schreiben
für mich
ein Schritt, eine Strecke, ein Weg,
sie auszudrücken –
und manchmal auch …
loszulassen.

 

1970. Die Erzieherin des Kindergartens hatte uns eine Geschichte aus der „kleinen Hexe“ von Ottfried Preussler vorgelesen. Ich fand diese freche und dabei so liebenswerte kleine Person, die von den großen Hexen so belächelt wurde, faszinierend. Doch nach einem Kapitel war Schluss.
„Morgen geht es weiter!“, wurden wir Kinder vertröstet.
Morgen! Sooo lange warten? Und das, obwohl ich das Buch doch zu Hause hatte? Es half nichts – ich musste lesen lernen! Möglichst schnell. Also begann ich, meine Mutter zu nerven. „Was ist das für ein Buchstabe?“ „Ein B.“ „Und das?“ „Ein G.“…
„Die kleine Hexe“ wurde zum Einstieg in eine neue, aufregende Welt, die Bücher zu meinen Freunden. Zwei Jahre später verfasste ich mein erstes eigenes „Buch“. Es hieß „Als ich meinen Hamster bekam“, bestand aus sechs mit roter Wolle zusammen gebundenen, in meiner schönsten Kinderhandschrift beschriebenen Seiten und sollte meiner Großmutter eine Freude machen, die im Krankenhaus lag. Danach erlosch mein Elan, Autorin zu werden, genau so schnell wieder, wie er aufgekeimt war. Das war ja Arbeit! Also lieber lesen, statt selbst zu schreiben….
Dank Enid Blyton erlebte ich die Abenteuer der „fünf Freunde“ mit oder besuchte mit „Hanni und Nanni“ ein Internat. Tina Casparis Serie „Bille und Zottel“ sowie die „Britta“- Bücher von Lisbeth Pahnke entführten mich in die Welt der Pferde, die ich mit zehn Jahren schließlich real entdeckte: Nach dem „Lesevirus“ infizierte ich mich mit dem „Pferdevirus“ – beides schwer zu therapierende „Erkrankungen“, die bis heute nachhaltigen Einfluss auf meine Gesundheit haben. Ohne meine regelmäßige, vierbeinige oder papierne „Medizin“ ist mein Leben nicht vollständig.

Rückblickend war es auf dem Gymnasium wohl zum Teil vom Lehrer abhängig, welche Texte ich mit Begeisterung verschlang – und durch welche ich mich mühsam quälte! Der allerliebste Julius Cäsar, den wir im (leider recht langweiligen) Lateinunterricht bestimmt in drei aufeinanderfolgenden Jahren übersetzen durften, ging mir mit seiner ewigen Kriegsführung jedenfalls mächtig auf den Wecker, wohingegen mein Französischlehrer uns den „kleinen Prinzen“ derart hin- und mitreißend interpretieren ließ, dass dieses Buch bis heute eines meiner liebsten ist. Selbst geschrieben habe ich dennoch nur das, was ich notgedrungen schreiben musste: Textanalysen, Gedichtinterpretationen, halbwegs plausibel klingende Abhandlungen über Themen, die mich zum Teil absolut nicht interessierten. Meine Mitschüler auch nicht – aber sie standen nun mal auf dem Lehrplan….

Mathe, Bio, Chemie, also all die Fächer, die mir logisch erschienen, lagen mir jedenfalls wesentlich mehr. Viele Jahre lang verfolgte ich nur ein berufliches Ziel: Tierärztin zu werden, – bis zahllose Allergien diesen Wunsch zunichte machten. Blieb als Alternative die Humanmedizin – doch dafür reichte meine Abinote nicht. Also besuchte ich, zunächst als „Übergang“, die Schule für medizinisch-technische Assistenten. arbeitete eine Zeitlang in diesem Beruf und traf dabei meinen ehemaligen Klassenkameraden Peter wieder, der sich im letzten Jahr des Medizinstudiums befand.
Ein knappes Jahr später machte ich den Test für Medizinstudenten. Und bestand. Allerdings „bestand“ ich zeitgleich auch den (ersten von drei) Schwangerschaftstest. Statt Ärztin wurde ich also Ehefrau sowie Mutter eines Sohnes und zweier Töchter. Und nebenbei sehr glücklich….

Kurz, nachdem mein Mann nach zehnmonatiger Erkrankung starb, forderte sein Chef mich auf, ein Buch über diese intensive und trotz allem extrem glückliche Zeit zu schreiben, und legte damit die Saat für einen neuen Traum. Es sollte Jahre dauern, bis ich ihn realisieren konnte. In kleinen Schritten näherte ich mich dem Schreiben wieder an, verfasste ein paar Kurzgeschichten, nahm an dem einen oder anderen Wettbewerb teil – und stellte zunehmend fest, wie viel Freude es machen kann, mit Worten zu spielen und nach schönen Formulierungen zu suchen. Heute darf ich mich schließlich tatsächlich als „Autorin“ bezeichnen – und arbeite daran, dass mein erstes Buch „Bis auf den letzten Schritt“ nicht mein letztes sein wird. In meinem Kopf spuken noch viele Ideen herum, die geschrieben und – hoffentlich – gelesen werden wollen.